Törnbericht: Kroatien 2018

Von der Kunst des Improvisierens oder „Einfach locker bleiben“.

Das Gute, wenn man zum ersten Mal in Kroatien segelt ist, dass man das ganze „früher war alles besser“-Gerede der so genannten Kroatien Experten getrost ignorieren kann. Man hat ja keinen Vergleich und ist gespannt, was da kommt. Das letzte Mal war ich vor über 30 Jahren in damals noch Yugoslavien. Ich erinnere mich, dass die Baudenkmäler in eher schlechtem Zustand und die Infrastruktur von Improvisation und Mangel geprägt waren. Beides hat sich verbessert, wobei die Kroaten das Improvisieren nicht verlernt haben, wovon später noch zu berichten sein wird.

Unser Ausgangshafen war Trogir, der vom Flughafen in Split leicht mit Bus oder Taxi zu erreichen ist. Man bekommt schon einen gewissen Schock, wenn man sieht, welche Masse an Charteryachten hier jedes Wochenende auf hunderte von neuen Crews wartet. Duzende Hände, meist junge Kroaten, schrubben und wienern an den Booten und mit etwas Glück wird das Schiff auch technisch durchgecheckt. Der Zustand der Boote ist von Firma zu Firma unterschiedlich und vom Preis abhängig. Wenn man aber an den Steganlagen entlang spaziert, wird schnell klar, dass diese Flotten alle massiv in Gebrauch sind. Wenig verwunderlich, wenn man sich die vielen Crews (meist aus Österreich und Deutschland) anschaut, die hier unbekümmert in See stechen. Wenn wirklich ein Profi-Skipper mit an Bord ist, ist das Boot meist bis in den letzten Winkel mit 17 jährigen Abiturienten aus England oder Schweden vollgestopft und es liegt schon in der Natur der Sache, dass das nicht auf einen besonders pfleglichen Umgang mit dem Material schließen lässt.

Unsere Karla ist eine Salona45 und bietet 6 Personen in 4 Kabinen ausreichend Platz. Das Schiff war seetauglich aber ganz schön runter. Es gab wohl keinen Türgriff der noch funktionierte und in der Bilge stand jeden Morgen einiges an Wasser. Der Test ergab, dass es Süßwasser war und einer der Tanks irgendwie leck sein musste. Der Vercharterer meinte nur, dass das immer so sei und wir uns keine Sorgen machen müssten. Na ja.

Nach Einkauf, Creweinweisung und Stadtrundgang durch das wunderschöne Trogir zog es uns dann doch, ebenso wie die meisten, auf´s Wasser. Bei einem kleinen Schlag wollte ich angesichts des Zustands unter Deck einen Blick auf das Segelmaterial und die Schoten und Fallen werfen. Und hier war alles top! Bei 6 bis 7 Knoten Wind setzen wir die Segel und Karla zeigte uns, was schon bei leichtem Wind in ihr steckte. Ein Lattengroß und eine brandneue Rollgenua brachte uns in Fahrt. Ich war etwas verwundert, dass wir an diesem Abend die einzigen waren, die die Segel setzten. Schlechtes Wetter war jedenfalls nicht der Grund. Die ganze Woche über waren viele Segelyachten ohne Segel zu sehen. Offensichtlich nutzen doch viele nur den Motor.

Nach einer Nacht in Trogir ging es am nächsten Morgen in Richtung „Blaue Lagune“ wo bereits zahlreiche Schiffe ankerten. Der Wind frischte auf und mir wurde klar, was mir Freunde über „schwierigen Ankergrund“ in Kroatien berichtet hatten. Oft gräbt sich der Anker nicht in den groben Sand oder Kies, bzw hängt im Seegras und kommt ins Rutschen. Das passierte hier nicht nur einem Boot. Wir fuhren weiter und die Crew, von denen die meisten zum ersten Mal auf einem Segelschiff waren, meisterte bei bis zu 24 Knoten Wind ihre Feuertaufe. Karla legte sich mächtig auf die Seite blieb aber mit ihrer Bleibombe und 2,55 Meter Tiefgang erstaunlich agil und ließ sich problemlos auf Kurs halten. Die zweite Nacht verbrachten wir mit zwei anderen Booten in der Stracinska Bucht auf der Südseite von Solta, wo ich zum ersten Mal ankern mit Landleine ausprobieren durfte.

Die Vielfalt der Buchten in Dalmatien ist unbeschreiblich. Die gesamte Küste ist von größeren Hotels verschont geblieben und oftmals sind nur kleine Fischerhäuschen an Land zu sehen, oder das Meer ist vom Land gar nicht zugänglich. Kein Wunder also, dass sich der Bootstourismus hier Bahn bricht. Es ist schon etwas Besonderes, wenn man so durch eine Landschaft gleitet, immer wieder neue Formen und Farben sieht und vom wunderbaren Duft von Meer und Pinien eingehüllt wird.

Doch wie überall hinterlässt auch hier die so genannte Zivilisation ihre Spuren. Selbst in der unberührtesten Bucht sammeln sich an Land die angespülten Plastiktüten und Flaschen. Ich will glauben, dass sie nicht unbedingt von den Charterbooten herrühren, sondern einfach Zeichen des globalen Plastikwahnsinns sind. Zwar liegt die Ware auf den Märkten unverpackt und appetitlich vor einem. Am Ende steckt die Verkäuferin aber doch jede Tomate einzeln in eine Plastiktüte, wenn man sich dem nicht erwehrt. Wo sind die guten alten Papiertüten? Vielleicht war ja früher doch manches besser:-)

Der nächste Tag führt uns über die atemberaubend schöne Bucht Blaca an der Südküste von Brac nach Starigrad auf Hvar. Von der Blaca Bucht gelangt man zu Fuß zu einem etwa 2,5 Kilometer entfernten Kloster, das ein schönes Museum beherbergen soll, welches aber Montags geschlossen ist und uns damit erspart blieb. Der Aufstieg ist nicht ohne und man sollte genügend Wasser mitnehmen.

Starigrad liegt malerisch zu beiden Seiten einer langen und schmalen Bucht, die von so genannten „Rivas“ gesäumt sind, also befestigten Ufern, an denen Schiffe mit Mooringleinen festmachen können. Wir kamen spät und jetzt Anfang Juni beginnt die Hochsaison, doch es war noch locker ein Platz zu bekommen.

Wie überall im Mittelmeer legt man auch hier mit dem Heck zur Pier an, was weiter kein Problem wäre, wenn nicht alle diesen Mooringleinen-Fetisch hätten. Anstatt einfach mal hinten festzumachen und dann in Ruhe den Rest zu erledigen, reißen schon tausend helfende Hände am Kai die Hole-leinen für die Moorings aus dem Wasser und es kam wie es kommen musste: falsche Leine unterm Schiff und schwupps hat sie sich in der Schraube verfangen. Gott sei Dank ist hier das Wasser sogar in den Häfen sauber und so war es ein leichtes, die Schraube wieder zu befreien. Allerdings hatte sich die Ringanode vom Saildrive Antrieb gelöst und baumelte nun an der Welle herum. Schöner Mist!

Wir genossen trotzdem unseren Abend im wunderschönen und gemütlichen Starigrad und am nächsten Tag rief ich die Charterfirma an. Die kontaktierten auch gleich einen „Mechanico“ in Hvar der in zwei Stunden kommen sollte. Daraus wurden dann acht, aber es gibt schlimmere Orte als Starigrad um einen Tag an Land zu verbringen.

Hier nun kommt die Geschichte von der Improvisationskunst der Kroaten. Ein Typ Mitte 30 kommt mit einem 18 jährigen Helfer angefahren. Taucherequipment? Fehlanzeige. Nach einiger Beratung schickt der Kapo den Jungen ins Wasser. Wow! Ein Apnoetaucher! Na ja. Mehr als 20 Sekunden kriegt auch er nicht hin. Die nächste Stunde wird wild hin und her getaucht und diskutiert. Mir kommen erste Zweifel, ob dieses Team weiß, was es tut. Nachdem Schraubenschlüssel und anderes Werkzeug nicht helfen, kommen Kabelbinder zum Einsatz. Wir fragten uns, was das werden soll. Tatsächlich schaffte es der junge Mann, die Ringanode um den Saildrive festzubinden, so dass sie für´s Erste gesichert war.

Für alle, die nicht wissen, was eine Ringanode und ein Saildrive Antrieb ist, könnte man die Art der Reparatur mit einem Auspuff vergleichen, der von einer Wäscheleine gehalten wird. Als Ende der Woche der firmeneigene Taucher das Schiff untersucht, zuckt er nur die Schultern. Das Provisorium wird wohl noch den Rest der Saison halten müssen. Ich hoffe es für die nachfolgenden Crews!

Wir verlassen Starigrad am späten Nachmittag und suchen uns eine einsame Ankerbucht. Geschützt vom Wind verbringen wir eine ruhige Nacht, bis mich um 5 Uhr morgens ein Gefühl aus der Koje treibt. Ein Gewitter zieht heran. Dem Skipper gehen viele Gedanken durch den Kopf. Reicht der Schwoikreis, hält der Anker, oder sollte man lieber gleich rausfahren, um abzuwettern? Doch dafür ist es zu spät. Die Böen peitschen in die Bucht und der Anker hält natürlich nicht. Da hilft nur ruhig bleiben und die Maschine einsetzen. Nach 15 Minuten ist der Spuk vorbei und die Morgensonne tut so, als wäre nichts gewesen.

Bei 4 bis 5 Windstärken nehmen wir Kurs auf Vis. Karla ist in ihrem Element und schiebt sich mit 8 Knoten zügig durchs Wasser. Durch die vielen Inseln kommen kaum größere Wellen auf. Am Nachmittag erreichen wir Vis. Ein ausnehmend schöner Ort, der sich, wie eigentlich alle auf die vielen Yachten eingestellt hat. Die Preise für einen Liegeplatz liegen in den meisten Häfen mit Strom und Wasser bei ca. 75 Euro für ein 13 Meter Schiff. Vielen mag das teuer erscheinen, doch angesichts des Ansturms und der durchaus neuen Sanitäranlagen ist es kein Wunder, dass die Preise hier fast das Niveau von Mallorca oder Südfrankreich erreicht haben.

Am nächsten Tag geht es dann schon wieder zurück Richtung Brac. Die Armada der Charterboote kommt langsam wieder zurück und es geht ein bisschen zu, wie am Wannsee an einem schönen Sommerwochenende. Wer jetzt auf den Inseln weiter draußen ist, bleibt wahrscheinlich fast alleine. Wenn dutzende von Segelyachten tanken und auf einmal in der Heimatmarina anlegen, ist auf jeden Fall für Hafenkino gesorgt. Da heißt es einfach: Nerven behalten.

Insgesamt war es eine traumhafte Woche und wir haben uns auch als Crew gut verstanden. Kroatien ist eine Top-Destination zum Segeln, gerade auch weil es nicht ohne Anspruch ist, sich hier mit Winden, Wetter und Ankergründen auseinander zu setzen. Ich habe es jedenfalls sehr genossen.

Einen echten Insider-Tip habe ich noch zum Schluss: Da der Flughafen von Split völlig überlaufen ist und die Maschinen in der Regel einige Stunden Verspätung haben, kann man sich die Zeit am „Flughafenstrand“ versüßen. Nur etwa 500 Meter entfernt gibt es einen kleinen Strand mit Wasserskilift, wo man noch einmal den Duft des Meeres in sich aufsaugen kann.

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