„Warum wackelt´s eigentlich nur bei uns?“

Segeln ist selten so wie im Werbevideo – aber Spaß macht es trotzdem.

Ich sehe, wie der Rumpf durch die azurblaue See pflügt. Die weiße Gischt spritzt auf und gleitet am Schiff entlang. Die weißen Segel stehen wie gemalt im Amwindkurs und heben sich gegen den klaren Himmel ab. Später in der Bucht liegt das Boot ruhig im Türkis des Wassers. Menschen sitzen auf der Badeplattform, eine Flasche Champagner steht gekühlt auf dem Cockpittisch. Mein Blick erhebt sich wie eine Drohne und kreist lautlos über der Bucht, den Blick auf das weiße Deck gerichtet.

Ich sehe dies vor meinem geistigen Auge, während mir der Regen ins Gesicht peitscht. Ringsum gehen Blitze nieder, der Wind kommt scheinbar aus allen Richtungen zugleich und ebenso die Wellen, die unser Boot unerbittlich im Griff haben. Später, als wir unseren leidlich geschützten Ankerplatz erreichen, versagt die Ankerwinsch. Der Wind ist völlig eingeschlafen und so tanzt das Boot die ganze Nacht mit dem nicht nachlassen wollenden Schwell. Das Schiff ächtzt und ich frage mich, ob es vielleicht doch nur für die Situationen gebaut ist, in die uns die makellosen Werbevideos der Hersteller entführen.

Täglich posten Menschen ihre Videos von Delphinen, die ums Boot schwimmen und einsamen Traumstränden mit weißem Sand. Meine Delphine bleiben immer höchstens 10 Sekunden und auf den einsamen Stränden liegen jede Menge angespülter Plastikflaschen. Vor Anker schaue ich auf´s Nachbarboot, das scheinbar wie am Grund einbetoniert ruhig im Wasser liegt, während meines schwankt und schwoit und leider jeden Champagnerkühler vom Tisch fegt. Warum schaffen es immer meine Schiffe in einem Feld von gleichmäßig in eine Richtung stehenden Ankerliegern mindestens um 90 Grad versetzt oder gar genau in die andere Richtung zu schwoien? Wieso schaut sich meine Mannschaft im Hafen die Boote an und fragt: „Warum wackelt´s eigentlich nur bei uns so?“ Wieso schaffen es Elektromotoren im Video bei 7 Windstärken ein Rollgroß zu bergen, während ich noch keinem Schiff begegnet bin, auf dem nicht genau diese Einrichtung klemmt, weil die Segel total ausgelutscht, oder sämtliche Umlenker schwergängig sind.

Es gibt nur wenige Tätigkeiten, die so romantisch verklärt sind, wie das Segeln. Einmal über den Atlantik, oder am besten gleich um die ganze Welt. Viele kotzen diesen Traum schon irgendwo zwischen Split und Brac über die Reling.

Und trotzdem!! Ich setze mich, genau wie so viele andere immer wieder allen Herausforderungen auf See aus, weil es zum einen ein unbeschreibliches Gefühl ist, eben diese Herausforderungen zu meistern und weil auch 10 Sekunden Delphine ein wunderbares Erlebnis sind. Das Spiel und manchmal auch der Kampf mit der Natur und den Elementen lässt uns auf angenehme Weise demütig werden. Mit jedem Auslaufen lernen wir wieder eine neue Situation kennen und einen neuen Trick, sie zu beherrschen. Man lernt kaum so viel und so schnell wie beim Segeln. Vor allem auch zu improvisieren. Die eignergepflegten Hallberg Rassys mögen leichter zu bedienen sein, als die Charter-Gurken. Aber wer gut skifährt, kommt auch auf Fassdauben ins Tal und stinken tut´s im Hafen sowieso für alle gleich.

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